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Ausstellung

Andrea Piep Andrea Piep - Schmetterling


Andrea Piep Andrea Piep - Schmetterling

Andrea Piep

"aus der natur"

Ausstellung vom 21. Februar bis 20. März 2010


Laudatio von Wolfgang Zimmermann


Meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Freunde der Bildenden Kunst,
sehr geehrte Andrea Piep,

„Der Tod geht uns nichts an, denn was sich aufgelöst hat, ist ohne Empfindung; was aber ohne Empfindung ist, geht uns nichts an“ Diesen aus unserer Sicht so überaus radikalen Satz sagte der Grieche Epikur. Er lebte etwa drei Jahrhunderte vor dem eigentlichen Beginn der Zeitrechnung und hatte nach damaligem Wissensstand insofern recht, wenn er feststellte, dass gestorbene Lebewesen nicht nur keinen Menschen mehr interessieren geschweige denn, ihm in irgendeiner Form von Nutzen sein können. Bekanntlich aber hat sich die Welt mittlerweile um mehr als zwei Jahrtausende weitergedreht. Und der Begriff Tod an sich hat in diesem Zeitraum nicht nur einen völlig neuen Stellenwert bekommen, er bietet längst schon eine sehr willkommene Möglichkeit zur immer besseren Erforschung all der vielen und zum großen Teil immer noch ungelösten Geheimnisse des Lebens. Das ist auch ganz in Ordnung so, denn alles Forschen dient ja dem Fortschritt schlechthin. Dennoch sei die Feststellung erlaubt, desto mehr Rätsel der Natur und des Lebens in ihr der Mensch löst, desto sorgloser geht er am Ende doch mit den gemachten Erkenntnissen um. Außerdem; eine restlose Entschlüsselung der Geheimnisse des Lebens würde m. E. zu einer weiteren Aufwertung des vernunftbegabten Wesens Mensch und einer weiteren Abwertung des bspw. als nutzlos und überflüssig eingeordneten Insektes führen. Das betrifft u. a. die Käfer, die Fliegen, die Spinnen, die Heuschrecken sowieso, inzwischen ist man aber längst schon dabei, auch die Existenz von Mäusen, Eidechsen, Schlangen etc. in Frage zu stellen. Dafür werden viele Begründungen bemüht; z.B. kann man die meisten dieser Tiere nicht essen (zumindest nicht in den hoch zivilisierten Ländern) und was der Mensch nicht wenigstens verspeisen kann, tendiert auf seiner Werteskala sowieso gegen Null. Sollten Sie die Gelegenheit haben, sich den Dokumentarfilm „We feed the World!“ anzuschauen, dann werden Sie darin eine Bestätigung meiner Worte finden. Ein anderer Grund ist, dass heutzutage sehr schnell d.h. allzu leichtfertig mit dem Begriff „Schädling“ umgegangen wird. Mit diesem Urteil ist der Mensch schnell dabei, die Vernichtung eines anderen Wesens zu betreiben. Beim Ausmaß eines festgestellten Schadens zählt immer der Standpunkt der Betrachtung oder des Betrachters. Und das ist einig und allein der Mensch. Was für ein Tier der natürliche tägliche Überlebenskampf ist, bewertet der Mensch als Schaden und dessen Verursacher als Schädling. Gegen solcherart Unterstellungen kann sich ein Tier nicht wehren, bzw. verteidigen.

Soviel zunächst als moralischer Exkurs, um den Weg in die Bilderwelt von Andrea Piep besonders hinsichtlich der Darstellung des Universums der Insekten zu ebnen. Weil Sie sich alle natürlich fragen werden, was meine bisherigen Feststellungen mit dieser Ausstellung und mit der Künstlerin Andrea Piep zu tun haben? Und, wo es einen schlüssigen Zusammenhang gibt? Die Frage könnte lauten: Warum stelle ich ausgerechnet die Vergänglichkeit von Leben an den Anfang meiner Laudatio, obwohl dieser Prozess in den hier ausgestellten Arbeiten eigentlich nur peripher und auch dann nur in Andeutungen sichtbar wird? Solch einer möglichen Frage aber möchte ich mit folgender Feststellung zuvorkommen. Noch nie zuvor sah ich nämlich Bilder, die sich derart detailliert, mit derart filigraner Genauigkeit aber dennoch in einer sehr eindeutigen bildkünstlerischen Sprache der Vergänglichkeit von scheinbaren Nebensächlichkeiten des Lebens widmen. Und noch nie zuvor hatte ich den Eindruck, dass ausgerechnet Bilder, die tote Lebewesen in den Mittelpunkt stellen, so lebensecht sein und wirken können. Das sie tot sind, stellt man erst beim zweiten oder dritten mal Hinschauen fest. Nehmen Sie z.B. die grazile Anmut einer winzigen Gnitze, jener von der Menschheit seit eh und je geächteten Stechmücke. Die kleinen Knöchelchen als Überbleibsel eines Kükens, das starb, als es gerade zu leben beginnen wollte. Die so überaus lästige und immer im tiefen Bass brummende Schmeißfliege; gewiss hat jeder von Ihnen schon mal nach ihr geschlagen. Alternativ dazu ein in prachtvollen Farben schillernder Schmetterling, der sein Leben vorzeitig dem Ehrgeiz eines begeisterten Sammlers opfern musste. Flinke Heupferde – auch Grashüpfer genannt – die unsere Spaziergänge an warmen Sommertagen an den Wiesen entlang begleiten. Oder auch die elegant in der Luft verharrenden Libellen. Wer zu Haus im Garten einen kleinen Teich hat, der wird immer wieder mit Begeisterung dieses Schauspiel verfolgen: wenn nämlich die grün- oder blau schillernden Libellen unbeweglich über dem Wasser in der Luft stehen und dabei an Miniaturhubschrauber erinnern. Die Malerin scheut sich auch nicht, jene von den Medizinern mittlerweile zum erklärten Menschenfeind Nr. 1 ausgerufenen Waldwinzlinge als satte, voll gefressene und daher sichtlich zufrieden dreinschauende Zecken zu malen. Als Großfamilie sozusagen, die sich gerade an einem Menschen gelabt hat und nun gemütlich am Waldboden ihre Siesta hält. Zecken gehören –ähnlich wie Blattläuse - zu den für das menschliche Auge nahezu unsichtbaren Wesen. Auf andere Art unsichtbar ist auch die Kakerlake – weil sie meist im Dunklen und an feuchten Orten ihre Aktivitäten entwickelt - vor der sich nahezu 90 % aller Menschen ekeln, wenn nicht gar gruseln. Doch auch sie findet ihren Platz in der so ausgesprochen filigranen und – was eben vor allem die Insekten, Fische, Mäuse, Reptilien oder Vögel betrifft - farblich relativ zurückhaltenden Bilderwelt von Andrea Piep, von der wir allerdings heute und hier nur einen vergleichsweise kleinen Querschnitt betrachten können. Der aber offenbart außerordentlich ungewöhnliche Bildmotive – direkt „aus der Natur“ geschöpft und somit der Ausstellung den passenden Titel verleihend - von denen einige mitunter, wüsste der Betrachter es nichts anders, durchaus sogar als wissenschaftliche Studien durchgehen könnten. Dass sie allerdings einer vollkommen anderen Motivation entsprungen wie auch einem ganz anderem Ziel verpflichtet sind, merkt der aufmerksame Ausstellungsbesucher ziemlich bald. Gleichwohl verbietet sich in den Alternativen zum toten Lebewesen - bspw. bei den Schmetterlingen oder den Blumen - eine farbliche Sparsamkeit schon ganz direkt aus dem gewählten Objekt heraus. Ein Schmetterling ist nun mal ein Geschöpf, dem jeder einigermaßen sensible Mensch allein schon wegen seiner wunderbaren Farbigkeit Beachtung schenkt. Und über die Pracht von Blumen zu sprechen, erübrigt sich an dieser Stelle sowieso. Denn, was wäre eine Welt ohne Blumen? Und deshalb habe ich auch angesichts von Andrea Pieps Blumenaquarellen im Nebenraum immer eine alternativ zu ihrer Arbeit im Atelier ständig im Garten hinterm Haus herumwuselnde Künstlerin vor den Augen. Das aber scheint so normal, wie es bspw. das tägliche Frühstück ist. Ich glaube, es gibt wohl niemanden unter jener Gruppe von Menschen, die sich der Malerei verschrieben hat, der den Blumen nicht zugetan ist. Jenen pflanzlichen Lebewesen, von denen Bettina von Arnim einst meinte, sie seien „Liebesgedanken der Natur“. Die hier gezeigten Bilder von Andrea Piep erzählen daher auch sehr genau davon, welches Verhältnis die Künstlerin selbst zur Natur hat.

Es mag vielleicht seltsam klingen, aber allein beim Lesen ihrer Anschrift formte sich in mir ein Bild vom künstlerischen Anspruch Andrea Pieps, obwohl ich in meinem bisherigen Leben noch nie im Städtchen Adenbüttel weilte. Dort wohnt, lebt und arbeitet sie nämlich. Und ihre Postanschrift lautet überaus passend „Wasserfurche 11 a“; was mir beinahe sofort ein Gewusel und Geflatter kleiner und kleinster Lebewesen suggerierte. Fliegen, Libellen, Frösche, Bienen etc. Und gerade diesen Wesen widmet sie sich immer wieder und auch jedes Mal ein wenig anders. Sie stellt damit auch zumindest einen Teil des eingangs erwähnten Ausspruchs von Epikur in Frage; denn „was ohne Empfindung ist, geht uns nichts an“ lässt Andrea Piep nicht gelten. In den in Acrylfarben oder in Öl- und Pastellkreide gemalten Bildern nicht wie auch nicht in den reinen Aquarellen. Und erst recht nicht in den in der Technik der Monotypie entstandenen Arbeiten, die sie sehr gern durch Mischtechniken ergänzt und so in ihrer Wirkung aufwertet.

Fast vierhundert Jahre alt ist die Monotypie; sie fristet dennoch heute noch trotz ihrer unzweifelhaften reizvollen optischen Wirkung immer noch eher ein Nischendasein. Der Grund dafür liegt in erster Linie an dem Aufwand und der Mühe, die für das Werden einer Monotypie notwendig sind. Dabei werden die Untergründe – das kann Linoleum, Glas, Metall, Karton und anderes mehr sein – aufwendig bemalt und dann im feuchten bzw. nassen Zustand auf das Papier aufgedrückt. Das ist der Vorgang; der Prozess. Dazu kommen nun noch die Feinheiten, die von Künstler zu Künstler unterschiedlich intensiv angewendet werden. Allein diese kurze Zusammenfassung genügt schon für die Erkenntnis; in einer Zeit zunehmender gnadenloser Vermarktung von Kunst rechnet sich die Monotypie einfach nicht. Denn sie gibt am Ende des Fertigungsprozesses immer nur einen Druck her; ein mageres Ergebnis also für unverhältnismäßig viel Arbeit. Und wer mit seiner Kunst großen Gewinn machen möchte – und wer will das eigentlich nicht – wird diese Technik also tunlichst meiden. Schon der französische Schriftsteller Antoine de Saint-Exupery formulierte diesbezüglich einmal sehr drastisch „Wer nur um Gewinn kämpft, erntet nichts, was der Mühe wert ist!“. Die Betonung sollte allerdings auf dem Wörtchen „nur“ liegen, denn zweifellos brachte und bringt die Monotypie exzellente Ergebnisse hervor. Wovon man sich auch innerhalb dieser Ausstellung überzeugen kann. Zum Beispiel einen zweifellos bereits toten Schmetterling, denn dessen äußerste Flügelränder beginnen sich bereits aufzulösen. Diese verblüffende Wirkung erzielt die Künstlerin über die Monotypie.

Bemerkenswert ist, Andrea Piep lässt mit ihrer Kunst die dem Tod und Sterben anhaftende morbide Aura verblassen, die zwangsläufig über allem Gestorbenem schwebt. Das konnte eben auch ein Epikur nicht ahnen. Sichtbar wird das an der Galerie getrockneter Käfer, friedlich nebeneinander im ewigen Schlaf liegend. Das sieht man auch an den sich belauernden Fischmäulern mit den spitzen Zähnen. Als eine Monotypie gefertigt, die fast wie eine Radierung wirkt und die ich außerdem in ähnlicher Bildsprache in den Steindruckarbeiten eines Günter Grass gefunden habe. Und das sieht man an dem mit Bleistift in die Aquarellfarben schwarz, rot und gold hinein gemalten und zweifellos toten „Deutschlandfrosch“. Und letztendlich sieht man es an jener immensen Sammlung an Fliegen an der Rückwand dieses Raumes. Machen Sie den Test, stellen Sie sich direkt davor und halten Sie einen Moment den Atem an. Und dann lauschen sie einfach mal!

Das Summen ist garantiert unüberhörbar. Ein längst verblichener Fliegenfreund war ein gewisser Brockes Barthold Heinrich und von ihm gibt es ein Gedicht über die Fliegen. Vortragen werde ich es aber nicht, diese Aufgabe hat die Mutter von Andrea Piep übernommen. Ich bedanke mich zuvor für Ihre Aufmerksamkeit, wünsche der Ausstellung zahlreiche gute Gespräche von zahlreichen Besuchen und übergebe nun das Wort zum Verlesen des Fliegengedichtes.


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